Die Implementierung von kollektivem Gedächtnis - dargestellt am Beispiel der Fußballvereinskultur
por Martin Hell
1 Einleitung
Gemeinschaften konstruieren ihre Identität aus einem kollektiven Gedächtnis.
Ereignisse der Vergangenheit werden verknüpft, um daraus Erzählungen
zusammenzubauen, die identitätsstiftend und –konstituierend wirken. Die Gemeinschaft
erhält eine gemeinsame Geschichte. Dabei ist diese Geschichte ganz und gar nicht als
objektiv zu bewerten. Sie entspricht eher den Erfordernissen der Gemeinschaft. Das
kollektive Gedächtnis soll Einheit generieren, Unstimmigkeiten werden entweder
umgedeutet oder ausgeblendet. Der Prozess der Konstruktion von kollektivem
Gedächtnis wird von Auswahl, Deutung und (Re-)Interpretation begleitet, je nachdem,
was gerade passt. Mit Berufung auf eine gemeinsame kollektive Vergangenheit ist es
wesentlich leichter, Gruppierungen und Konstellationen zu legitimieren. Die
Hauptfragestellung wird dabei sein, wie die kollektiven Bilder und Überzeugungen in
die Köpfe der Individuen gelangen. Dies möchte ich am Beispiel der
Fußballvereinskultur erläutern.
2 Die Theorie der Phantasie
Wir sehen uns heute mit einem Widerspruch in der menschlichen Wahrnehmung zwischen
Realität und Kulturgesellschaft, die unser Handeln und Denken bestimmt,
konfrontiert. Der Mensch entfernt sich von der Realität und flüchtet sich in eine
Welt, die nach seinen Vorstellungen und Erklärungsmustern geschaffen ist. Er schafft
sich in Konkurrenz zur gegebenen Welt eine eigene Welt der Phantasie. Diese wirksam
gewordene Phantasie nennt Kamper „unmöglich Gegenwart“ (vgl. Kamper 1995).
Dies wir unterstützt durch die Bannung der Realität auf das Bild. Dadurch wird
vorgegeben, was wahrgenommen wird bzw. werden soll. Wenn man wahrnimmt sieht man
nicht mehr die Dinge selbst, sondern die Bilder der Dinge. Die Wahrnehmung wird also
ersetzt durch das Denken. Dieses Denken geschieht nach einer Theorie – der Theorie
der Phantasie.
Kamper unterscheidet in diesem Zusammenhang “das Selbst“ und “das Andere“. Das
Andere ist das, was wirklich ist, die reale Welt. Das Selbst hingegen, ist das, was
wir erwarten wahrzunehmen. Also quasi unsere subjektive Wahrnehmungstheorie, die
wiederum von der Gesellschaft beeinflusst ist, und somit auch einem gewissen
Gruppendruck unterliegt. „Es ist unendlich einfacher, das Selbe zu denken als das
Andere wahrzunehmen“ (Kamper 1995, S 10).
Der Mensch projiziert sich als Selbst auf die Welt. Alles Wahrnehmen ist in der
Folge nur das, was man als wahr zu nehmen bereit ist. Abhilfe schafft nur, so
Kamper, „ein Denken, das im Wahrnehmen seine Grenze erfahren kann“ (Kamper 1995, S
14). Man muss neue Einflüsse zulassen; die Theorie hingegen erschöpft sich im
Festhalten. Wir pressen die Wahrnehmung in Kategorien, wodurch sie ein Teil unseres
Selbst wird, das Andere (der Widerspruch zur Theorie) geht dabei aber verloren. Man
kann also von der Etablierung einer universellen Menschheit sprechen
(Homogenisierung). Die Vernunft ist dabei nur ein von uns über die Welt gestülptes
Projekt. Doch die Welt ist nicht vernünftig; es gibt auch Dinge und Menschen
außerhalb der Norm, die wir nicht bereit sind als gegeben wahrzunehmen. Man muss in
der Wahrnehmung des Anderen das Denken des Selbst aufspüren und beschränken, man
muss den Prozess der Selbstreflexion initiieren und zulassen.
Weiters führt Kamper die beiden Begriffe “Sinn“ und “Sinne“ ein. Unter Sinn, in der
Einzahl, werden die Bedeutungen, die man Ereignissen und Prozessen beimisst,
verstanden. Das System des Selben wird als Grundlage und Horizont von Erfahrungen
und Handlungen genommen. Der Sinn rechtfertigt für uns Selbst, was wir wahrnehmen.
Die Sinne, in der Mehrzahl, sind die körperlichen Organe: das Auge, das Ohr, die
Nase, der Mund, die Haut. Die Sinne sind für das Wahrnehmen des Anderen zuständig.
Doch der Sinn beschränkt die Sinne. Die Sinne laufen dem Sinn zuwider; „Wahrnehmung
ist ein Störenfried“ (Kamper 1995, S 24) für die Theorie, weil sie diese in Frage
stellt. Nur durch die sinnliche Wahrnehmung kann man aber wieder über den Tellerrand
der Theorie hinausblicken.
„Dass das Selbst mit dem Sinn paktiert und das Andere mit den Sinnen, führt zu einer
ersten Konklusion. Ohne den Körper, ohne die körperliche Wahrnehmung, ohne den
körperlichen Ausdruck gibt es den Anderen nicht. In einer absolut künstlichen Welt
herrscht nur noch das Selbe“ (Kamper 1995, S 26). Die oben beschriebene Steuerung
der Wahrnehmung durch den Sinn beschreibt Kamper als Abwehrsystem. „Niemand kann
erkennen und sich zugleich vor der Vernichtung bewahren“(Georges Baitelle, zit. n.
Kamper 1995, S 113).
Weil man mit jeder neuen Erkenntnis alles neu überdenken muss,
vernichtet man somit das bisherige Selbst-Verständnis. „Seit Freud (...) ist
bekannt, dass das menschliche Bewusstsein ein Verteidigungssystem ist, das sich
belagert weiß. Es ist kein einfaches Medium der Erkenntnis und der offenen
Weltbeziehung, sondern ein kompliziertes System der Abwehr von Erfahrung, der
Verneinung, Verleugnung und Verdrängung von Erkenntnis“ (Kamper 1995, S 28f).
Es geht also um die Ausschaltung des theoretisch Unmöglichen. Das Bewusstsein will
nur Recht haben, es mag keine Überraschungen. Dadurch, dass man alles erklären kann,
dass alles in die Theorie des Selbst passt, gibt es keine Ungeklärtheiten mehr. Mann
muss aber neue Erfahrungen sammeln, also Überraschungen zulassen, denn erst im
Aufhören der Theorie wird das Denken wieder zur Expedition.
Um das ganze anschaulicher zu machen möchte ich die oben genannten Begriffe zum
Abschluss diese Kapitels in einer Graphik anordnen (vgl. Abbildung 1).
3 Kollektives Gedächtnis
Es gibt keine soziale Gruppierung, die sich nicht über eine Erinnerungskultur
definiert. „Dort wo sie [Erinnerungskultur; M.H.] zentral ist, und Identität und
Selbstverständnis einer Gruppe bestimmt, dürfen wir von Gedächtnisgemeinschaften
sprechen“ (Assmann 1992, S 30). Dadurch wird eine Form von Ausgewähltheit
geschaffen. Die Mitglieder einer Gruppe sind deswegen Mitglieder, weil sie eine
gemeinsame Vergangenheit, ein gemeinsames Gedächtnis teilen.
3.1 Die Bildung von kollektivem Gedächtnis
Zur Bildung solch eines kollektiven Gedächtnisses müssen zwei Vorbedingungen erfüllt
werden: Zum einen muss das Geschehene wahrgenommen werden, zum anderen werden sie im
sozialen Bezugsrahmen mit einer Bedeutung belegt. Gedächtnis entsteht nur durch
Kommunikation und Interaktion im Rahmen einer sozialen Gruppe. Zwar hat das
Kollektiv keine Erinnerung, aber es gibt den Rahmen für die Erinnerung des
Individuums vor. Die Gruppe organisiert sowohl die Erinnerung, als auch das
Vergessen. „Das individuelle Gedächtnis baut sich in einer Person Kraft ihrer
Teilnahme an kommunikativen Prozessen auf“ (Assmann 1992, S 36f). „(...), so
konstituiert und erhält sich diese Gruppe erst in der Vermittlung der Einzelperspektiven der Gruppenmitglieder aufeinander und auf die kollektive
Vergangenheit. Die gemeinsamen Raum- und Zeitvorstellungen binden die individuellen
Erinnerungen aneinander und formieren in deren Kommunikation das Gedächtnis der
Gruppe“ (Schmidt 2000, S 22). Da es durch Kommunikation aufrecht erhalten wird, kann
man daraus schließen, dass das Vergessen einsetzt, sobald diese abbricht. Streng
genommen sind deshalb alle Erinnerungen kollektiv, individuelle Erinnerung
beschränkt sich auf das bloße Empfinden.
Bevor etwas ins kollektive Gedächtnis aufgenommen werden kann, muss es mit Personen,
Orten und Ereignissen in Verbindung gebracht werden; Es bedarf einer „unauflöslichen
Verschmelzung von Begriff und Bild“ (Assmann 1992, S 38). Dieser Bezug muss nicht
unbedingt geographisch oder historisch hergestellt werden, aber das kollektive
Gedächtnis ist auf eine konkrete Orientierung angewiesen, sonst weiß man ja nicht
wann und wo es begangen werden soll. „Das Gedächtnis haftet am Konkreten, im Raum,
an der Geste, am Bild und Gegenstand“ (Nora 1998, S 28). Diese kollektiv erlebte
Zeit wird meist periodisch begangen, um der Erinnerung einen Rhythmus zu geben und
die Weitergabe von Wissen zusichern. Wenn man von diesem Raum getrennt ist, werden
diese kollektiven Stätten reproduziert.
Kollektives Gedächtnis ist auch identitätskonkret, das heißt an einer real
existierenden Gruppe orientiert, die sich durch eine bestimmte Wesensart und
Einstellung definiert. Kollektives Gedächtnis ist die Verbindung zwischen einer
Gruppe und deren Gedächtnis. Dadurch entwickeln diese Personen eine Zugehörigkeit zu
dieser Gruppe – eine Identität entsteht. Aus der Vergangenheit beziehen sie ihr
Selbstbild und Selbstverständnis. Die Differenz nach außen hin wird betont, nach
innen hin heruntergespielt. „Zudem bilden sie „ein Bewußtsein ihrer Identität durch
die Zeit hindurch“ aus, so dass die erinnerten Fakten stets auf Entsprechungen,
Ähnlichkeiten, Kontinuitäten hin ausgewählt und perspektivviert zu werden pflegen“
(Assmann 1992, S 40).
3.2 Feste und Feiern
Die Erinnerungsfiguren werden oft in einer Art Fest gefeiert; Vergangenheit wird
dadurch vergegenwärtigt. „In der Erinnerung an ihre Geschichte und in der
Vergegenwärtigung der fundierenden Erinnerungsfiguren vergewissert sich eine Gruppe
ihrer Identität“ (Assmann 1992, S 53).
Das kulturelle Gedächtnis hat seine speziellen Träger, die für die Einhaltung der
festgelegten Regeln sorgen, die Gedächtnisträger. Sie sorgen dafür, dass die Rituale
der strikten Vorschrift folgen. Das kulturelle Gedächtnis bedarf einer speziellen
Einweisung, es muss eine Polarität zwischen Fest und Alltag geschaffen werden, damit
klar ist, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Die Trennung von Alltagszeit
und Festzeit führt zu einer Zweizeitigkeit des Lebens. „Das kulturelle Gedächtnis
ist ein Organ außeralltäglicher Erinnerung“ (Assmann 1992, S 58).
Das Fest bedarf dreier Funktionen: Speicherung, rituelle Inszenierung und kollektive
Partizipation. Durch Zusammenkunft und persönliche Anwesenheit gewinnt die Gruppe
Anteil am kulturellen Gedächtnis. „Für solche Zusammenkünfte müssen Anlässe
geschaffen werden: die Feste. Feste und Riten sorgen im Regelmaß ihrer Wiederkehr
für die Vermittlung und Weitergabe des identitätssichernden Wissens und damit für
die Reproduktion der kulturellen Identität“ (Assmann 1992, S 57). Diese Rituale
werden meist an ein bestimmtes Datum geheftet, auch wenn das Ereignis sich über
einen längeren Zeitrahmen erstreckt. Dadurch wird sichergestellt, dass dieses Fest
periodisch begangen wird und es nicht in Vergessenheit gerät. „In Permanenz >von
selbst< wiederkehrend, kann dieses Wissen beharrlich ausgeübt werden und behält
durch den jährlichen Abstand dennoch seine Exzeptionalität bei“ (Schmidt 2000, S
54). Wiederholung ist ein Grundprinzip kultureller Erinnerung, da in diesen
Ereignissen das Wissen der Gruppe weitergegeben wird. Grundvoraussetzungen für die
Errichtung und Wirksamkeit eines Jahrestages sind hoher Identifikationswert für die
Gruppenmitglieder und Inszenierbarkeit des Initialereignisses. „Gruppen oder
Gesellschaften, die sich Jahrestage geben, verleihen sich damit selbst den Anschein
von langer Dauer und Stabilität“ (Schmidt 2000, S 24f).
Die Mitglieder (MG) werden durch das kollektive Bewusstsein, in dem sie sich
gegenseitig selbst bestärken (darüber kommunizieren), als Gruppe zusammengehalten.
In eine Graphik gebracht, kann man sich das ganze so vorstellen (vgl. Abbildung 2):
4 Kollektiv – Bild – Körper
Hans Belting (2001) hat einen anthropologischen Zugang zum Thema Bild. Dies
bedeutet, dass das Bild nur in Zusammenhang mit dem Körper, nicht abgelöst davon
verstanden werden kann. „Im anthropologischen Blick erscheint der Mensch nicht als
Herr seiner Bilder, sondern – was etwas ganz anderes ist – als „Ort der Bilder“,
die seinen Körper besetzen: er ist den selbsterzeugten Bildern ausgeliefert, auch
wenn er sie immer wieder zu beherrschen versucht“ (Belting 2001, S 12). Dabei
zeichnet er einen Dreischritt zwischen Medium, Bild und Körper(Betrachter) nach. Die
Medien sind die Träger der Bilder. „Da ein Bild keinen Körper hat, braucht es ein
Medium, in dem es sich verkörpert“ (Belting 2001, S 17). Das Bild wird „im Akt der
Betrachtung zwischen dem Medium und uns ausgetauscht. Das Medium bleibt dort,
während das Bild gleichsam zu uns kommt“ (Belting 2001, S 54) und in unserem
Gedächtnis ein mentales Bild erzeugt. „Es läuft auf einen Akt der Metamorphose
hinaus, wenn sich die gesehenen in erinnerte Bilder verwandeln, die fortan in
unserem persönlichen Bildspeicher einen neuen Ort finden. (...) es findet ein Tausch
zwischen dem Trägermedium und unserem Körper statt, der seinerseits ein natürliches
Medium bildet“ (Belting 2001, S 21). Innere und äußere Bilder sind also nicht
getrennt zu betrachten.Die Realität innerhalb einer Kulturgemeinschaft wird mittels Bildern kontrolliert, deren Autorität das kollektive Bewusstsein formt. Bilder werden also bewusst eingesetzt, um eine Standardisierung der individuellen Bilder innerhalb der Gruppe zu bewirken, was sie auch von anderen Gruppen unterscheidet. „Ein „Bild“ ist mehr als ein Produkt von Wahrnehmung. Es entsteht als das Resultat einer persönlichen oder kollektiven Symbolisierung“ (Belting 2001, S 11), wobei sich die persönliche Erfahrung dem kollektiven Verständnis anpasst. „Unsere inneren Bilder sind nicht immer individueller Natur, aber sie werden auch dann, wenn sie kollektiven Ursprungs sind, von uns so verinnerlicht, dass wir sie für unsere eigenen Bilder halten. Die kollektiven Bilder bedeuten deshalb, dass wir die Welt nicht nur als Individuum wahrnehmen, sondern dies auf eine kollektive Weise tun, welche unsere Wahrnehmung einer aktuellen Zeitform unterwirft. Gerade an diesem Sachverhalt ist die mediale Einrichtung der Bilder beteiligt“ (Belting 2001, S 21). Gesehene Bilder unterliegen stets einer inneren Zensur, die Bilderfahrung gründet auf einer Konstruktion. So wird jede Wahrnehmung zu dem, was uns die verinnerlichte kollektive Theorie wahrzunehmen gebietet; ein Gedanke der stark an Kamper erinnert (vgl. Kapitel 2). „Der Tausch zwischen Erfahrung und Erinnerung ist ein Tausch zwischen Welt und Bild. Die Bilder sind fortan auch an jeder neuen Wahrnehmung der Welt beteiligt, denn die Sinneseindrücke werden von unseren Erinnerungsbildern überlagert, an denen wir sie dann gewollt oder ungewollt messen“ (Belting 2001, S 66).
Weiters spricht Belting von Orten der Erinnerung: „Orte an die man sich erinnert, und Menschen, die sich an sie erinnern, sind aufeinander angewiesen“ (Belting 2001, S 68). Viele Orte existieren für uns allein als Bilder. Man muss nicht einmal dort gewesen sein, um ihnen eine Bedeutung beimessen zu können. „Unser Gedächtnis ist (...) ein körpereigenes, neuronales System aus fiktiven Orten der Erinnerung. Es baut sich aus einem Geflecht von Orten auf, an denen wir diejenigen Bilder aufsuchen, die den Stoff unserer eigenen Erinnerung bilden“ (Belting 2001, S 66). Der Mensch selbst bildet auch so einen Ort der Erinnerung, durch die Eindrücke, die er während seines Lebens gesammelt hat und die er durch Erzählungen und Übertragung der Bilder an andere weiter gibt.
Ein letzter Punkt, den Belting anspricht und der für die Thematik dieser Arbeit relevant erscheint, ist die Erweiterung der räumlichen und zeitlichen Präsenz des Körpers durch Wappen und Portrait. Er bezieht sich hier auf das Mittelalter: „Wappen erweitern die Präsenz eines Wappenherren auch dorthin, wo sein Körper nicht hinreichte. Auch dort übte er seine Rechte durch das „Aufstellen und Aufzwingen“ seines Wappens aus. Endlich ließ er sein Wappen durch andere führen, indem er es ihnen verlieh. Die Heraldik produzierte also juristische Personen in dem Sinne, dass sie physische Personen mit Zweitkörpern umstellte“ (Belting 2001, S 122). Wenn man jetzt die kollektive Gruppe als Wappenherren betrachtet, so wird den Mitgliedern der selben durch Tragen des Wappen deren Identität verliehen. Auch hier möchte ich den Text mit einer Graphik erläutern (vgl. Abbildung 3):
5 Fußballkultur – Der Verein
Der Verein bildet die Klammer für die soziale Gruppe der Fußballfans. Menschen, die sonst eigentlich nichts gemeinsam haben, werden zu einer Gruppe zusammengefasst, werden durch die gemeinsame Identität zu Brüdern und Schwestern. Wenn jemand auf einen Fußballplatz geht, dann nicht deswegen sein, weil er sich ein gutes Spiel ansehen will, die Teilhabe am Geschehen führt auch zu einer Stärkung und Erneuerung seines WIR-Gefühls. „(...) es sind nicht allein die Leistung und auch nicht das Stadion oder die Bequemlichkeit auf dem Sportplatz, sondern es sind vor allem auch die Traditionen und Entwicklungsgeschichte des jeweiligen Vereines, die die Zahl der Zuschauer ebenso wie deren Erwartungen und Einstellungen mitbestimmt" (Horak/Marschik 1997, S 54f).
Ohne Platz gibt es keinen Fußball. Man braucht einen gewissen Raum, wo man spielen kann, dies kann die Straße, der Park, oder das Stadion sein. Heutzutage ist das Stadion Treffpunkt der Fans, der Ort an dem das Fußballfest samt aller Rituale stattfindet. In periodisch wiederkehrenden Fußballfesten wird mittels kollektiven Gesängen und Tribünenchoreographie, das Wissen an die jüngeren Generationen weitergegeben, damit es nicht verloren geht. Durch zusätzliche Verräumlichung in Fansektoren wird die Identität und das Zusammengehörigkeitsgefühl, sowie die Abgrenzung zu anderen Fans gestärkt.
Namen wie Uridil und Sindelar (österreichische Nationalspieler des WM-Teams von 1934) sind vielen auch heute noch ein Begriff, auch wenn sie in der Zwischenkriegszeit spielten. Diese Spieler repräsentieren die Zeit in der Österreich noch eine Fußballweltmacht war, sie sind die Helden des Erfolgs. Jedes Land hat solche Helden, an denen alle nachfolgenden Spieler gemessen werden. Sei es Maradona in Argentinien, Pele in Brasilien, Puskas in Ungarn, Beckenbauer in Deutschland oder Roger Milla in Kamerun. Für Österreich sind die wohl bedeutendsten Fußballer aller Zeiten Herbert Prohaska, Hans Krankl (der Held von Cordoba1) und Ernst Happel, der im Wunderteam (Dritter bei der WM 1934) spielte und später auch noch zu einem der besten Trainer der Welt wurde.
Diese Legenden des Sports sind so bedeutsam für Erinnerungsgemeinschaften, dass sie zu Erinnerungsorten werden. So werden Stadien nach ihnen benannt (Hanappi-Stadion, Happel-Stadion, etc.) und auf diversen Klub-Homepages wird die Mannschaft des Jahrhunderts gewählt und in ewigen Bestenlisten wird den Spielern mit den meisten Einsätzen oder Toren gehuldigt. Ausländische Spieler werden genauso geliebt, wie die eigenen, solange sie im eigenen Klub spielen. Sobald sie es aber „wagen“, bei den Gegnern zu spielen, werden sie ausgepfiffen und entsprechend ihrer Nationalität verhöhnt. Besonders schlimm hat es den ehemaligen Rapid-Spieler Krzysztof Ratajczyk erwischt: Er wurde nach dem Wechsel zur Austria von enttäuschten Rapid-Fans zusammengeschlagen. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die Homogenität innerhalb der Gruppe möglichst hoch gehalten wird, während man sich nach außen hin von anderen Clubs radikal abgrenzt. „Menschen, die im normalen Alltagsleben oft nichts miteinander zu tun haben, treffen sich meist alle zwei Wochen an einem bestimmten Platz in einem Stadion und kommunizieren über „ihren“ Verein und den Fußballsport“ (Plavec 2000, S 68). Wortgeschichtlich betrachtet geht der Fanbegriff auf „fanum“ zurück, was soviel wie Tempel bedeutet. Dadurch wird eine irdische Größe zum Heiligtum zu erklären versucht.
Ein Fan wird durch folgende Merkmale gekennzeichnet (vgl. Herrmann 1977, S 106):
-
- starke affektive Verbundenheit mit dem Bezugsobjekt
-
- häufiger Besuch von Veranstaltungen dieses Bezugsobjekts
-
- hohe Einsatzbereitschaft im Interesse des Bezugsobjekts während Veranstaltungen
-
- intensive Beschäftigung mit diesem Bezugsobjekt und dem gesamten massenkulturellen Bereich auch unabhängig von den miterlebten sportlichen
Vorstellungen – dadurch Status eines Sportexperten
-
- starke Identifikation mit dem jeweiligen Bezugsobjekt oder dem
repräsentierten Objektbereich überhaupt
-
- hohe sportliche Eigenaktivität
Viele Fans reisen gemeinsam zu den Spielen an. Damit ist auch ein gewisses
Gemeinschafts- und Solidaritätsbewusstsein verbunden. Dies wird zusätzlich durch Schals, Fahnen und Trikots zum Ausdruck gebracht. Durch die Fankleidung wird der Fan auch optisch Teil der Mannschaft, der Gruppe. „Sie wird bewusst getragen, der Fan will mit ihr etwas Bestimmtes ausdrücken, nämlich, dass er sich auch nach außen mit der Mannschaft identifiziert“ (Schmidhofer 2000, S 8). „Die Kleidung wird (...) zu einer Gesinnungs- und Bekenntniskleidung“ (Becker/Pilz 1988, S 35). Die Farben einer Mannschaft sind eine der wichtigsten Komponenten des kollektiven Gedächtnis. Sie ermöglichen es, auf den ersten Blick die Gruppenzugehörigkeit zu erkennen. Ein weiterer Aspekt des kollektiven Gedächtnis sind die Lieder und Schlachtgesänge. In ihnen wird quasi das Wissen der Gemeinschaft (in Form von Slogans) weitergegeben, sowie die eigene Gruppe erhöht und die andere verhöhnt. Es gibt vier Arten von Gesängen (vgl. Becker/Pilz 1988, S 45):
- Die rituelle Vernichtung des Gegners (Bedrohung/Feind), z.B.: „Austria Wien – Scheiße von Wien“ - Die rituelle Selbsterhöhung der Gruppe (Auslachung der Gegner), z.B.: „Otto Konrad ist homosexuell!“ oder am Ende des Spiels bei einem Sieg „Auf Wiederseh’n, auf Wiederseh’n!“ - Verbreitung und Kontrolle des Tugendkatalogs (Wir-Gefühle, Sieg, Treue zum Verein, Kampfbereitschaft), z.B.: „Wer nicht hüpft, der ist Tiroler!“ oder „Hier regiert der SCR“ oder „Immer wieder, immer wieder SK Sturm!“ - verschiedenste Gesänge zur Beherrschung des Schallraums. Außerdem verfügt heutzutage fast jede Mannschaft über ein eigenes Mannschaftslied: bei Rapid: „Rapid, Rapid, du bist mei’ Mannschaft,...“. Auch außerhalb des Spiels beschäftigt man sich mit dem Verein. Es werden Magazine gelesen, man ist Experte und diskutiert über die Mannschaft und trägt die Trikots des Klub. Doch nur im Stadion selbst, kann man sich seiner Identität in Interaktion mit der Gruppe versichern.
6 Schlussfolgerungen
In diesem abschließenden Kapitel möchte ich die bis jetzt erörterten Ansätze in einen Zusammenhang bringen (vgl. Abbildung 4): Die soziale Gruppe, der Verein, ist Heimat und Identitätsstifter für eine Gruppe von Menschen, die sich durch eine gemeinsame Sympathie für einen Verein auszeichnen. Auch wenn sie im übrigen Leben (Alltag) nichts miteinander zu tun haben, treffen sie sich doch immer wieder an einem Ort (Stadion), um ihre Mannschaft während des Spiels (Fest) anzufeuern. Durch die kollektive Teilhabe am Ereignis werden Unterschiede innerhalb der Gruppe abgebaut (eine gemeinsame Identität wird gestiftet) und nach außen hin aufgebaut. Man sieht sich selbst als etwas Besonderes, als Mitglied dieser Gruppe. Dies wird dadurch gestärkt, dass man das Erscheinungsbild (Kleidung, Gesänge) vereinheitlicht, sich quasi auch optisch zu einer Gruppe macht. Dies entspricht dem Aspekt des Wappens, wodurch die Präsenz der kollektiven Gruppe auf jedes einzelne Mitglied übertragen wird. Innerhalb der Anhängerschaft werden die „Klub-Riten“ durch Gesänge und Schlachtrufe an die Jüngeren weitergegeben und somit verfestigt. Das kollektive Bewusstsein schließt sich wie ein Kreis um deren Mitglieder. Dieses wird durch die Übermittlung von Bildern an jedes der Mitglieder weitergegeben. Diese Bilder der kollektiven Identität lassen sich in Schlachtgesängen, Geschichten über ehemals gewonnene Spiele und herausragende Spieler wiederfinden. Einen wesentlichen Teil bei der Übertragung der Bilder nehmen die Medien ein, die Träger der Vereinsgeschichte(n) sind. Die übertragenen Bilder setzen sich im Bewusstsein fest und werden Teil der Interpretation jeder neuen Wahrnehmung (sie geben ihr einen Sinn). Diese verfestigte Wahrnehmungstheorie bildet gleichsam ein Abwehrsystem gegen anderslautende Meinungen. So fällt es auch den Fans leichter, ihre Mannschaft als besser, fairer und unterstützenswerter zu sehen, wohingegen bei gegnerischen Mannschaften ganz andere Maßstäbe angesetzt werden. Deswegen können “echte“ Fans auch nicht objektiv urteilen; auch der Schiedsrichter “pfeift“ nur gut, wenn er zu Gunsten der eigenen Mannschaft entscheidet. Die Wahrnehmung des Anderen wird als Unmöglichkeit ausgeblendet. Es wird schlichtweg geleugnet, dass die andere Mannschaft vielleicht einmal besser gespielt hat. Hier wird deutlich, dass der Prozess der Selbstreflexion schier unmöglich zu verwirklichen ist, wenn man zu sehr seinem “Selbst“ anhaftet, als auf das “Andere“ zu hören, zu sehen, zu fühlen zu schmecken oder zu riechen. Deswegen ist auch der Habermas’sche Diskurs (ideale Sprechsituation) nur Utopie, weil sich in einer Diskussion zwischen den Fans zweier unterschiedlicher Mannschaften nicht das bessere Argument durchsetzen kann (Habermas 1984, S 116). Jeder sieht die Vorstellungen seines Selbst als unumstößlich und richtig an, während er die des Anderen als unrichtig klassifiziert. Dies mag bei Fußballfans höchstens zu Prügeleien führen, im Kampf zwischen zwei Ideologien wie Kapitalismus und Islamismus möglicherweise aber auch zu einem Krieg.
1 Bei der WM 1978 in Spanien gewann Österreich gegen Deutschland in Cordoba durch 2
Tore von Hans Krankl mit 3:2
Martin Hell, Kommunikationswissenschaftler und Politikwissenschaftler seit 2000 an der Universität Wien, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Fakultät für Politikwissenschaft.
Quellenverzeichnis
Assmann, Jan: Das
kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen
Hochkulturen; München 1992
Becker, P./Pilz,
G.A.: Die Welt der Fans. Aspekte einer Jugendkultur; München 1988
Belting, Hans: Bild-Anthropologie: Entwürfe für eine
Bildwissenschaft; München 2001
Habermas, Jürgen: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des
kommunikativen Handelns; Frankfurt/M. 1984
Herrmann, H.U.: Die Fußballfans. Untersuchungen zum
Zuschauersport; Scharndorf 1977
Horak,
Roman/Marschik, Matthias : Das Stadion – Facetten des Fußballkonsums in
Österreich. Eine empirische Untersuchung; Wien 1997
Kamper, Dietmar: Unmögliche Gegenwart. Zur Theorie der
Phantasie; München 1995
Nora, Pierre:
Zwischen Geschichte und Gedächtnis; Frankfurt/M. 1998
Plavec, Florian:
Die österreichischen Fußball-Fanzines und die neue kritische Fan-Bewegung; DA,
Wien 2000
Schmidhofer,
Christian: Persönliche Motive und Beweggründe für die Bindung von Fußballfans an
ihre Mannschaft; DA, Wien 2000
Schmidt, Thomas: Kalender und Gedächtnis. Erinnern im Rhythmus
der Zeit; Göttingen 2000
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